Montag, 2. Januar 2012

Lieber Bastian aka Sierra Victor

ich denke Du hast recht, wir nähern uns inhaltlich immer mehr an.

Ich unterscheide das
Wollen, Wünschen, Sehnen
vom
Brauchen, Bedürfen, essentiell Benötigen.

Letzteres ist ein Zeichen eines „unperfekten“, da nicht sich selbst genügenden Wesens. Der Ansatz von Frère Alois, so wie ich ihn verstanden habe, postulierte, daß GOtt sich aus seiner Selbstgenügsamkeit heraus, absichtlich in seiner Allmacht minderte und abhängig von seiner Kreatur machte.

Daß durch Liebe ein Wollen, Wünschen, Sehnen entstehen kann und entsteht, war nie in meiner Absicht zu bestreiten. Selbstlose Liebe, wenn sie wahre Liebe ist, kann auch ohne ein Brauchen, Bedürfen, essentiell Benötigen bestehen.

Dazu ein Beispiel, nehmen wir ein gutsituiertes Ehepaar mit 10 eigenen Kindern. Sie lieben ihre Kinder aufrichtig und mit ganzem Herzen. Hier ist zwar ein kleines „Brauchen, Bedürfen, essentiell Benötigen“ enthalten, wenn auch nicht bestimmend, im Sinne von „Seid fruchtbar und mehret Euch“ der Aspekt die eigene Sterblichkeit über den Nachwuchs zu überlisten. Dieses Ehepaar lernt ein Waisenkind kennen, ohne irgendeine wie auch immer geartete moralische Pflicht für dieses Kind zu sorgen, adoptieren es, ziehen es groß und lieben es wie ihre eigenen Kinder. Was kann man nun über diese Liebe sagen? Einerseits ist sie ja gleich im Maße, wie von mir gesetzt als Prämisse, andererseits ist sie im gewissen Sinne ohne daß sich für mich daraus ein Widerspruch ergibt, größer als die Liebe zu den leiblichen Kindern, denn der minimal-egoistische Aspekt der eigenen Fortpflanzung fällt weg. Und ich denke in dem geschilderten Fall bin ich weit weg von der „unpersönlichen Generosität“.

(Einwurf: Obwohl ich den Verdacht hege, daß so manche Einkaufs- äh Adoptionsorgie von so manchem Star sowohl im Verhältnis zu den leiblichen Kindern als auch den adoptierten dem Ticken der biologischen Uhr geschuldet ist, und zu oft eine „unpersönliche Generosität“ darstellt.)

Wenn ich mich recht erinnere, wird oder wurde in anderen Kulturen, daß Annehmen von fremden Kindern, ohne eine eigene Unfähigkeit zur Nachwuchszeugung damit zu kaschieren, als sentimentale Schwäche gesehen. Im Christentum gilt dahingegen der Liebesimperativ: Liebet einander, wie ich Euch geliebt!

Ein Wollen, Wünschen, Sehnen macht GOtt nicht weniger allmächtig, nicht weniger vollkommen, nicht weniger die vollkommene Liebe, denn siehe bei den Zweihundertfünfundvierzig:

24. Das Wollen GOttes ist unendlich.
26. GOtt ist allmächtig.

Genau eins drüber und eins drunter. Daraus läßt sich schließen, daß unsere Diskussion um die Natur der Liebe GOttes, nicht die erste und nicht die letzte war und sein wird.

Wie gesagt, ich verstehe, worauf Frère Alois möglicherweise hinauswollte, auch wenn ich es für eine fehlgeleitete und –leitende Interpretation GOttes halte.